Buddhistische Tradition

Der Buddhismus entstand vor rund 2.500 Jahren in Indien und verbreitete sich von dort über weite Teile Asiens bis in die heutige Welt.

Im Laufe dieser Zeit entwickelten sich zahlreiche Traditionen, welche unterschiedliche Schwerpunkte in der buddhistischen Lehre setzen. Manche beschäftigen sich vor allem mit Meditation, Philosophie, Bewusstsein oder der Verehrung bestimmter Buddhas.

Die folgenden Etappen sind chronologisch nach ihrer Entstehung geordnet. Da sich viele Schulen gleichzeitig in unterschiedlichen Regionen entwickelten, überschneiden sich einige Zeiträume.

Buddhas der Vergangenheit und Vorgeschichte

Nach buddhistischer Überlieferung war Shakyamuni nicht der erste Buddha. Bereits unzählige Zeitalter vor seiner Geburt soll es vollständig erwachte Wesen gegeben haben, welche die Wahrheit selbstständig erkannt und anderen vermittelt haben.

Im Laufe der Zeit sollen die Lehren wieder verloren gehen, bis ein neuer Buddha die Wahrheit erkennt und den Weg zur Überwindung des bedingten Entstehens erneut verbreitet.

Auch gab es zur Zeit Shakyamunis in Indien bereits verschiedene religiöse und philosophische Bewegungen.

Neben den vedischen Traditionen existierten Gruppen von Asketen, welche sich mit Wiedergeburt, Karma, Meditation und Befreiung beschäftigten.

Einige suchten die Befreiung durch strenge Askese, andere durch philosophische Erkenntnis oder meditative Versenkung.

In diesem Umfeld entwickelte sich der Buddhismus.

Die zentralen Fragen dieser Zeit waren:

  • Wer sind wir?
  • Was ist Bewusstsein?
  • Warum werden Lebewesen geboren?
  • Existiert eine unveränderliche Seele?
  • Was bestimmt die Folgen unserer Handlungen?
  • Was geschieht nach dem Tod?

Shakyamuni übernahm nicht einfach die Ansichten seiner Umgebung. Er untersuchte diese Fragen und entwickelte daraus eine eigenständige Lehre.

Buddha Shakyamuni – Etwa 5. Jahrhundert v. Chr.

Siddhartha Gautama, später als Buddha Shakyamuni bekannt, wurde nach buddhistischer Überlieferung in eine angesehene Familie geboren.

Die Begegnung mit Alter, Krankheit und Tod soll ihn dazu bewegt haben, sein bisheriges Leben aufzugeben und nach einem Ausweg aus dem Leiden zu suchen.

Nach mehreren Jahren der Suche erkannte er, dass weder ein Leben voller Sinnesfreuden noch extreme Selbstverleugnung zur Befreiung von Leiden führen.

Anschließend begann er, seine Erkenntnisse zu lehren.

Diese Lehren bilden bis heute die gemeinsame Grundlage der buddhistischen Traditionen.

Nach dem Tod Shakyamunis standen seine Schüler vor der Aufgabe, seine Lehren zu bewahren.

Nach buddhistischer Überlieferung versammelten sich seine Schüler zu einem ersten Konzil, bei welchem die Lehrreden und Ordensregeln gemeinsam vorgetragen wurden.

Die genaue historische Gestalt dieses Konzils ist nicht gesichert.

Da die Lehrreden zu der Zeit noch nicht systematisch niedergeschrieben wurden, erfolgte ihre Weitergabe hauptsächlich durch gemeinsames Auswendiglernen und Rezitieren.

Die ersten buddhistischen Schulen – Ab etwa 4.-3. Jahrhundert v. Chr.

Mit der Verbreitung des Buddhismus entstanden Unterschiede in der Auslegung der Lehren und der Ordensregeln.

Die frühe Gemeinschaft teilte sich im Laufe der Zeit in verschiedene Überlieferungslinien. Zu den ältesten großen Gruppierungen gehörten die Sthavira („die Älteren“) und die Mahasanghika („die große Gemeinschaft“)

Theravada – Ab dem 3. Jahrhundert v. Chr., später weiterentwickelt

Der Theravada entwickelte sich aus der Überlieferungslinie der Sthavira und wurde besonders in Sri Lanka bewahrt. Seine Lehrtexte wurden in der Sprache Pali überliefert und im 1. Jahrhundert v. Chr. schriftlich festgehalten (heute bekannt als Pali-Kanon).

Zentral ist hier das Ideal des Arhat, welcher die Ursachen des Leidens durch Einsicht und meditative Praxis überwunden hat und aus dem Kreislauf der Wiedergeburten austritt.

Von Sri Lanka aus verbreitete sich der Theravada später besonders nach Myanmar, Thailand, Laos und Kambodscha.

Mahayana – Ab etwa 1. Jahrhundert v. Chr.

Innerhalb des indischen Buddhismus entwickelte sich allmählich eine neue religiöse und philosophische Bewegung, welche als Mahayana bezeichnet wird (Sanskrit für „großes Fahrzeug“)

Im Mittelpunkt steht das Ideal des Bodhisattva, welcher nicht ausschließlich die eigene Befreiung anstrebt, sondern die vollkommene Buddhaschaft zum Wohl aller Lebewesen erreichen möchte.

Die Anhänger des Mahayana lehnten die grundlegenden Lehren Shakyamunis nicht ab. Sie erweiterten ihre Auslegung und entwickelten zusätzliche Lehr- und Praxisformen.

Madhyamaka

Die von Nagarjuna begründete Madhyamaka-Tradition beschäftigte sich besonders mit der Leerheit aller Erscheinungen. Sie lehrt, dass nichts aus sich selbst heraus und unabhängig von anderen Bedingungen existiert. Alle Erscheinungen entstehen in Abhängigkeit von Ursachen und Bedingungen.

Yogacara bzw. Weishi

Die indische Yogacara-Tradition untersuchte besonders die Funktionsweise des Bewusstseins und dessen Einfluss auf unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit. Sie entwickelte unter anderem die Lehre von acht Bewusstseinsarten, den karmischen Samen und den drei Naturen. Im 7. Jahrhundert wurden diese Lehren durch Xuanzang und seinen Schüler Kuiji in China systematisiert. Daraus entwickelte sich die Faxiang-Schule, welche auch als Weishi oder „Nur-Bewusstsein“ bezeichnet wird.

Reines Land

Die Tradition des Reinen Landes entwickelte sich auf Grundlage indischer Mahayana-Sutras. Im Mittelpunkt steht der Buddha Amitabha und das Streben nach einer Wiedergeburt in seinem Reinen Land Sukhavati. Durch Vertrauen, das Rezitieren seines Namens und weitere buddhistische Praktiken soll eine Wiedergeburt unter besonders günstigen Bedingungen ermöglicht werden, um den Weg zur Buddhaschaft fortzusetzen.

Chan/Zen

Die chinesische Chan-Tradition führt ihre Ursprünge auf den indischen Mönch Bodhidharma zurück. Sie betont besonders die Meditation und die unmittelbare Einsicht in die Natur des eigenen Geistes. Dabei steht nicht allein das theoretische Verständnis buddhistischer Lehren im Mittelpunkt, sondern deren unmittelbare Verwirklichung durch die eigene Erfahrung.

Diese Traditionen entwickelten sich nicht vollständig unabhängig voneinander. Sie beeinflussten sich gegenseitig und wurden in China häufig miteinander verbunden. Gemeinsam prägten sie die weitere Entwicklung des ostasiatischen Buddhismus.

Das Mahayana wurde später zur Grundlage der meisten buddhistischen Schulen Ostasiens und großer Teile des tibetischen Buddhismus.

Vajrayana – Ab etwa 6.-8. Jahrhundert in Indien

Innerhalb des indischen Mahayana entwickelten sich zunehmend besondere Formen buddhistischer Meditation und ritueller Praxis.

Diese wurden zur Grundlage des Vajrayana (Sanskrit für „Diamantfahrzeug“).

Im Unterschied zu den anderen buddhistischen Schulen verwendet das Vajrayana zusätzliche esoterische Mudras (Handgesten) oder Mantras (Formel).

Das Vajrayana wurde später besonders im tibetischen Buddhismus und im japanischen Shingon einflussreich.

Der nächste Buddha – Buddha Maitreya

Die buddhistische Überlieferung endet nicht mit unserer Gegenwart. Nach traditionellen Vorstellungen wird die Lehre Shakyamunis im Laufe der Zeit aus der Welt verschwinden.

Erst danach soll ein neuer Buddha erscheinen, welcher den Weg zur Befreiung erneut selbstständig erkennen wird. Dieser wird Maitreya genannt.