Lehrverständnis

Hier präsentieren wir eine zusammenfassende Darstellung der Lehren, wie sie in unserem Institut verstanden und vermittelt werden.

Buddhismus ist kurzgesagt
Eine Religion und philosophische Weltanschauung, welche vor rund 2.500 Jahren in Asien durch Siddhartha Gautama (den historischen Buddha) begründet wurde. 

Anstelle von Anbetung oder religiösen Dogmen geht es um die Überwindung von Leid und das Erreichen der Erleuchtung (Nirvana) durch Meditation und ein achtsames Leben. Mit Erleuchtung ist hier Einsicht in die letztendliche Realität gemeint.

Diese letztendliche Realität kann nicht durch Wörter beschrieben werden, weil Wörter letztendlich nur Zeichen sind und von der Interpretation des Zuhörers abhängen.

Stattdessen muss man durch meditative Praxis und ein allumfassendes Mitgefühl selbst die Bedingungen schaffen, um die Realität so wahrnehmen zu können, wie sie letztendlich ist.

Der Pfad zur Erleuchtung wird je nach Tradition unterschiedlich gelehrt. Wir vom Guanyin Institut beziehen uns in unserem Wissen auf die chinesische Weishi-Tradition des Mahayana-Buddhismus.

Demnach sind alle Dinge, die wir im gewöhnlichen Alltag erleben, letztendlich nur eine Manifestation des Bewusstseins, weil nichts ein festes Selbst besitzt. 

Damit ist gemeint, dass Dinge uns zwar im Alltag erscheinen, aber bei genauerer Betrachtung sehen wir, dass diese Dinge nur aus anderen Dingen und Bedingungen bestehen, welche wiederum nur aus anderen Dingen und deren Bedingungen bestehen, und so weiter.

Beispiel:
Du nimmst ein Auto wahr.
Du hältst es für real, weil du es nutzen kannst.
Letztendlich hat dieses Auto aber keine eigene Substanz/Materie/Atome, sondern besteht nur aus Autoteilen unter den korrekten Bedingungen zusammengebracht. Und jedes dieser Autoteile besteht nur aus seinen jeweiligen Dingen und Bedingungen.

Dinge sind also weder am existieren, noch am nicht-existieren. Tatsächlich erscheinen sie aus ihren jeweiligen Ursachen und Bedingungen, während sie die Ursachen und Bedingungen für zukünftige Dinge darstellen.

Auch wir Menschen sprechen für gewöhnlich von einem “Ich”, bei näherer Betrachtung zeigt sich allerdings kein festes oder unveränderliches Selbst. Stattdessen bestehen wir aus fortwährenden körperlichen und geistigen Prozessen.

Im Sutra des Reiskeimling heißt es:
Wenn Feuer Brennstoff erhält, brennt es. Ist der Brennstoff verbraucht, erlischt es. Ebenso bringt die karmische Verknüpfung das Bewusstsein der Wiedergeburt hervor, das die verschiedenen Daseinsbereiche durchläuft und als Frucht Name und Form entstehen lässt.

Dabei gibt es kein Ich, keinen Herrn und auch keinen Empfänger. Es ist wie der leere Raum, wie eine Luftspiegelung bei großer Hitze, wie eine Täuschung und wie ein Traum. Es gibt darin kein wirklich bestehendes Phänomen. Dennoch gehen die durch heilsame und unheilsame Ursachen und Bedingungen entstehenden karmischen Früchte nicht verloren.

Was wir für gewöhnlich als Selbst bezeichnen, sind die 5 Skandhas:

  1. Form, also der Körper mit all seinen Sinnesorganen
  2. Gefühl, also die Empfindung eines Eindrucks als angenehm, unangenehm oder neutral
  3. Wahrnehmung, also die Wahrnehmung von Merkmalen
  4. Mentalitäten, also Reaktionen und Willensvorgänge
  5. Bewusstsein, bestehend aus seinen 8 Arten. Diese sind:
    • Sehbewusstsein
    • Hörbewusstsein
    • Geruchsbewusstsein
    • Tastbewusstsein
    • Denkbewusstsein, welches analysiert und schlußfolgert
    • „Ich“-Bewusstsein, welches aus diesen ein „Ich“ interpretiert
    • Speicherbewusstsein, in welchem karmische Samen auf ihre jeweilige Reifung warten

Karma bezeichnet absichtliche Handlungen über Körper, Sprache oder Gedanken.  Diese Hinterlassen eine Veränderung sowohl im inneren Bewusstsein als auch im vermeintlich äußeren Bewusstsein. 

Diese Veränderung ist ein geistiger Samen, welcher nach seiner jeweiligen Reifung die entsprechende Frucht trägt. Dies nennt man das gegenwärtige Hervortreten.

Beispiel:
Jemand klaut etwas.
In der als äußerlich erscheinenden Welt wechselt der Gegenstand den Besitzer. Im selben Moment entsteht im Bewusstseinsstrom des Diebes ein unheilsamer karmischer Samen.

Wird der Dieb gefasst, erfährt er die weltlichen Folgen seiner Tat.
Wird er nicht aufgehalten und setzt sein Verhalten fort, verstärkt er seine unheilsamen Gewohnheiten und erzeugt weitere unheilsame Samen.

Unabhängig von einer äußeren Bestrafung kann die karmische Wirkung der Tat später unter geeigneten Bedingungen als leidvolle Erfahrung heranreifen. 

Ist die Lebensdauer erreicht, bevor alle karmischen Samen aufgearbeitet sind, wird man auf Grundlage des Bewusstseinsstroms in ein neues Leben geboren.

Die sechs Sinnesbewusstseine werden eingestellt. Was bleibt, ist das “Ich”-Bewusstsein und das Speicherbewusstsein, das auf Grundlage der karmischen Samen eine neue Geburt bedingt.

Mit dem Entstehen neuer Sinnesorgane entstehen auch die jeweiligen Sinnesbewusstseine. Dabei wandert keine Seele und kein unveränderliches Selbst von einem Leben in das Nächste.

Die Geburt erfolgt nach Weishi-Lehre in eines von sechs Bereichen.

  1. Bereich der Hölle, in welchen extremen Formen von Leid erfahren wird. Er entsteht aufgrund von extrem unheilsamen Handlungen
  2. Bereich der hungrigen Geister, in welcher unstillbares Verlangen erfahren wird. Er entsteht aufgrund von unheilsamen Handlungen
  3. Bereich der Tiere, in welchem man zwar noch von Instinkten und Angst getrieben ist, aber bereits Freude und andere heilsame Zustände erfahren kann. Er entsteht aufgrund von unheilsamen und heilsamen Handlungen
  4. Bereich der Menschen, in welchem man sowohl Leid als auch Freude erfährt. Diese Ausgeglichenheit hat das größte Potential Für Nirvana. Einerseits genug Leid, um nach einem Ausweg zu suchen, andererseits genug Freiheit und Erkenntnisfähigkeit, um über die Realität zu reflektieren. Sie entsteht aufgrund von heilsamen Handlungen
  5. Bereich der Götterwesen, in welchem mehr extremer Wohlstand und Stärke erfahren wird. Sie entsteht durch extrem heilsame Handlungen

Den 1., 2. und 5. Bereich sollen wir deshalb nicht in der gewöhnlichen Realität wahrnehmen können, weil sie sich außerhalb unserer ersten fünf Sinne befinden. Erst durch Meditative Praxis sollen diese Bereiche wahrnehmbar werden.

Meditative Praxis lässt sich grundsätzlich in zwei Arten unterteilen.

Zum einen die Meditation der Geistesruhe, bei welcher das Bewusstsein gesammelt und stabilisiert wird. Das kann durch Atemtechniken und das Ausrichten der Konzentration erreicht werden.

Zum anderen Meditation der Einsicht, bei welcher die letztendliche Wirklichkeit untersucht wird. Das kann durch Reflektion oder studieren der buddhistischen Lehre geschehen.

Beide Seiten gehören zur meditativen Praxis. Geistesruhe ohne Einsicht beruhigt den Geist, beseitigt aber die Unwissenheit nicht. Einsicht ohne Geistesruhe beseitigt die Unwissenheit, bleibt ohne Sammlung aber instabil. 

Beides bildet zusammen den meditativen Teil des buddhistischen achtfachen Pfades. Die anderen Teile sind:

  1. Rechte Ansicht: Die Einsicht, dass alles vergänglich, verbunden, leidhaft und letztlich frei von festem Selbst ist
  2. Rechte Absicht: Eine innere Haltung von Mitgefühl, Liebe und dem Wunsch, frei von Gier, Hass und Verblendung zu leben
  3. Rechte Rede: Wahrhaftige und mitfühlende Kommunikation, die nicht trennt, sondern verbindet
  4. Rechtes Handeln: Ein Leben, das nicht verletzt, sondern aus Respekt vor allem  Lebendigen entsteht
  5. Rechter Lebensunterhalt: Die bewusste Entscheidung, den Lebensunterhalt in Einklang mit Mitgefühl und Ethik zu verdienen
  6. Rechtes Streben: Die beständige Absicht, heilsame Geisteszustände zu kultivieren und unheilsame loszulassen
  7. Rechte Achtsamkeit: Die Fähigkeit, den gegenwärtigen Moment klar und urteilsfrei wahrzunehmen, ohne sich in Gedanken oder Emotionen zu verlieren.
  8. Rechte Meditation: Wie bereits erwähnt, die Praxis der Meditation, welche den Geist beruhigt und direkte Einsicht in die letztendliche Wirklichkeit ermöglicht.

Wer den achtfachen Pfad betritt, wird 15 Stufen bis zur vollständigen Buddhaschaft durchlaufen. Diese sind:

  1. Stufe der Ansammlung
    Man entwickelt den Entschluss, vollständige Erleuchtung erreichen zu wollen. Durch ethisches Verhalten, Studium und Meditation sammelt man Verdienst und Weisheit.
  2. Stufe der Vorbereitung
    Der Praktizierende vertieft sein Verständnis der Leerheit und der Lehre.
  3. Stufe der Durchdringung
    Der Praktizierende erkennt die Leerheit von Person und Phänomenen erstmals unmittelbar. Damit tritt er in die erste Bodhisattva-Stufe ein.

    1. Bodhisattva-Stufe der Großen Freude: Der Bodhisattva empfindet große Freude, weil er die Wirklichkeit unmittelbar erkannt und den unumkehrbaren Weg zur Buddhaschaft betreten hat. Besonders vervollkommnet wird die Freigebigkeit.
  4. Stufe der Kultivierung
    Man vertieft die gewonnene Einsicht und beseitigt schrittweise die verbliebenen geistigen Hindernisse. Dabei durchläuft man die weiteren Bodhisattva-Stufen:

    2. Bodhisattva-Stufe der Makellosigkeit: Das ethische Verhalten wird von schweren Verunreinigungen gereinigt. Besonders vervollkommt wird die ethische Disziplin.

    3. Bodhisattva-Stufe des strahlenden Lichts: Weisheit und geistige Klarheit beginnen immer deutlicher hervorzutreten. Besonders vervollkommt wird die Geduld.

    4. Bodhisattva-Stufe des flammenden Glanz: Die Weisheit verbrennt weitere Verblendungen und unheilsame Gewohnheiten. Besonders vervollkommt wird die Tatkraft.

    5. Boddhisatva Stufe der schweren Überwindung: Tiefe meditative Sammlung. Besonders vervollkommt wird die Meditation.

6. Boddhisatva-Stufe der unmittelbaren Gegenwart: Die Leerheit und das bedingte Entstehen aller Erscheinungen werden besonders tief erkannt. Besonders vervollkommt wird die Weisheit.

7. Boddhisatva-Stufe des weiten Fortschritts: Man ist auf seinem Weg weit vorangeschritten und hilft anderen Lebewesen durch unterschiedliche geschickte Mittel. Die Praxis umfasst nun alle Bereiche des Lebens.

8. Boddhisatva-Stufe der Unbeweglichkeit: Man kann nicht mehr auf niedrigere Stufen zurückfallen. Die Einsicht bleibt fest und das heilsame Wirken geschieht zunehmend ohne Anstrengung.

9. Boddhisatva-Stufe der vortrefflichen Einsicht: Man versteht die Fähigkeiten und Bedürfnisse der Lebewesen. Man kann die Lehre klar und auf angemessene Weise lehren.

10. Boddhisatva-Stufe der Dharma-Wolke: Die Weisheit und das Mitgefühl werden mit einer Wolke verglichen, die den Regen der Lehre über die Welt ausgießt. Man steht unmittelbar vor der vollständigen Buddhaschaft.

  1. Stufe der Vollendung
    Alle leidverursachenden Verblendungen und Hindernisse sind volsltändig beseitigt. Die Umwandlung des Bewusstseins ist vollendet und die vollständige Buddhaschaft wird verwirklicht.

Das sind die Grundlagen des Buddhismus nach Weishi-Tradition. Die Art, wie diese Lehre uns erreicht ist durch sogenannte “geschickte Mittel”

Damit ist gemeint, dass Buddha seine Lehre an die Fähigkeiten, Erfahrungen und Bedürfnisse der jeweiligen Menschen anpasst. Da fühlende Wesen unterschiedliche karmische Voraussetzungen, geistige Neigungen und Möglichkeiten besitzen, benötigen sie nicht alle dieselben Erklärungen und Übungen. Deshalb wird dieselbe letztendliche Wahrheit auf unterschiedliche Weise vermittelt, damit jeder Mensch sie entsprechend seiner gegenwärtigen Entwicklungsstufe verstehen und verwirklichen kann.