Lehrverständnis

Hier präsentieren wir eine zusammenfassende Darstellung der Lehren, wie sie in unserem Institut verstanden und vermittelt werden.

Das Lehrverständnis des Guanyin Instituts orientiert sich am Mahāyāna-Buddhismus in der Tradition der Yogācāra-Schule, wie sie von Xuanzang, einem chinesischen Mönch und Übersetzer zwischen 629 und 645 n. Chr. systematisch entwickelt wurde. Der Schwerpunkt liegt auf der Integration von Studium, Meditation und ethischer Praxis, insbesondere auf der Erforschung des Bewusstseins und der inneren geistigen Prozesse.

Woran glauben Buddhisten?

Kurzgesagt: Alle Phänomene sind frei von einem eigenen Selbst und durch Mitgefühl zeigt Buddha den Weg, um den Kreislauf von Entstehen und Vergehen zu durchschauen.

Daraus lässt sich alles ableiten, aber Buddha hat aus seinem unendlichen und allumfassenden Mitgefühl heraus die Lehren weiter ausgedeutet.

Nach ihm kamen weise Bodhisattvas wie Asangha, Nagarjuna oder Vasubandhu.

Später folgten Mönche wie Xuanzang, welche die alten Texte aus dem Sanskrit übersetzten, systematisierten und kommentierten, um die Lehren für spätere Generationen verständlich und praktisch anwendbar zu machen.

Buddha (佛, Fó)

Der Begriff „Buddha“ ist ein Titel und bedeutet „der Erwachte“ oder „der Erleuchtete“. Ein Buddha ist jemand, der vollständige Einsicht in die Natur der Realität erlangt hat, frei von Unwissenheit, Anhaftung und den drei Geistesgiften Gier, Hass und Verblendung. Buddha ist kein Gott oder übernatürliches Wesen, sondern ein vollständig verwirklichtes menschliches Potenzial.

Jedes fühlende Wesen besitzt das Potenzial zur Buddhaschaft. Durch Praxis, Einsicht und Transformation des Bewusstseins kann jeder Mensch die gleichen Qualitäten von Weisheit, Mitgefühl und Freiheit vom Leiden entwickeln, die einen Buddha auszeichnen.

Wann immer ein Land in Frieden lebt, steigt das Verständnis für die Lehre des Buddha. Das liegt daran, dass in diesen Zeiten das Mitgefühl steigt, und Buddha lehrt durch Mitgefühl. Gewalt und Unruhe hingegen lassen das Mitgefühl sinken, stärken das Ego und führen zu mehr Karma. Doch was ist Karma überhaupt?

Karma (業, Yè)

Karma ist das psychologische Wirkprinzip von Ursache und Wirkung, nach der alle erfahrbaren Phänomene funktionieren. Es ist kein göttliches Gericht wie in anderen Religionen, sondern perfekt und frei von der Notwendigkeit einer richtenden Entität.

Wie im Mahayana-Karmasiddhi-Sastra erklärt, gibt es drei Arten von Karma:

  • körperlich
  • sprachlich
  • geistig

Taten, die mit einem Motiv ausgeführt werden, hinterlassen Samen im unterbewussten Speicherbewusstsein (Alaya-Vijnana), die nach ihrer jeweiligen Reifung wieder sichtbar werden.

Je mehr Karma man ansammelt, desto mehr wird man an den Kreislauf der bedingten Phänomene bzw. der Wiedergeburt (輪迴, Lúnhuí) gebunden. Sich des Karmas bewusst zu werden, lässt es verblassen und überwinden.

Kreislauf der Wiedergeburt (輪迴, Lúnhuí)

Der Daseinsbereich der bedingten Phänomene ist unsere unmittelbare Realität, ein Kreislauf von Wiedergeburt und Tod, entstanden durch eine der drei Geistesgifte Gier, Hass oder Verblendung.

Innerhalb dieses Kreislaufs ist jedes erfahrbare Phänomen leidvoll, weil alles vergänglich und frei von einem eigenen Selbst ist. Was bedeutet das?

Kein-Selbst (無我, Wú Wǒ)

Wir nehmen alle erfahrbaren Phänomene als objektiv existierend wahr, weil wir sie wahrnehmen können. Wenn wir die Dinge aber genauer betrachten, werden wir feststellen, dass nichts eine eigene Existenz hat und unabhängig in einer äußeren Welt existiert, sondern immer aus anderen Ursachen und den richtigen Bedingungen entsteht, und selbst wieder Ursache bzw. Bedingung für andere Phänomene ist, usw.

Beispiel:
Wir sehen ein Auto und halten es für objektiv existent, weil wir darin fahren und es nutzen können. Letztendlich hat das Auto aber keine eigene “Auto-Essenz”, sondern entsteht nur aus anderen Ursachen (Bauteilen) und den richtigen Bedingungen (Montage).


Dieses Prinzip nennt man “abhängiges Entstehen” (緣起, Yuánqǐ) und alle erfahrbaren Phänomene verhalten sich dementsprechend, einschließlich Menschen.

Aggregate (五蘊, Wǔ yùn)

Wir Menschen halten uns für gewöhnlich für ein separates Individuum, das objektiv in einer äußeren Welt existiert. 

Tatsächlich sind wir aber nichts eigenes, sondern eine von unzähligen Perspektiven der gesamten Realität. Anstelle einer festen, unabhängigen Seele sind wir eine Ansammlung von fünf Aggregaten, die man als Skandhas bezeichnet. Diese sind:

  • Materie (色, Sè)
  • Wahrnehmung (受, Shòu)
  • Gefühle (想, Xiǎng)
  • Mentalitäten (行, Xíng)
  • Bewusstsein (識, Shí) – Basis der ersten vier Skandhas, trägt die karmischen Samen, welche durch ihre Reife zukünftige Erfahrungen bestimmen.

Jede dieser Gruppen, sowie jedes andere Phänomen, lässt sich weiter in Einzelteile zerlegen, weil die Dinge keinen festen Ursprung haben, sondern ein Kreislauf aus Vergehen und Entstehen sind. Dadurch zeigt sich, dass nichts objektiv existiert und letztlich nur Bewusstsein ist.

Es ist wichtig zu betonen, dass die Lehren des Buddha ebenfalls nicht objektiv existieren, sondern abhängig von individueller Interpretation sind. Buddha lehrt durch Mitgefühl und je mehr ein fühlendes Wesen davon entwickelt, desto mehr Verständnis für die Lehre entsteht.

Genauso ist Nirvana nicht objektiv existierend, sondern ein Zustand, der durch Einsicht und Transformation des Bewusstseins entwickelt wird.

So sagte Buddha im Diamant-Sutra:
“Meine Lehre gleicht einem Floß. Die Lehre des Buddha muss irgendwann aufgegeben werden; um wieviel mehr muss das die Irrlehre.“

Zweck der Lehre Buddhas ist das Aufheben von Leiden. Wie kann man diese Einsicht nun entwickeln, wenn man das möchte?

Edler Achtfacher Pfad
(八正道, Bā zhèngdào)

  1. Rechter Ansicht (正見, Zhèngjiàn)
    Die Einsicht, dass alles vergänglich, verbunden und letztlich frei von festem Selbst ist. 
  2. Rechter Absicht (正思惟, Zhèng sīwéi)
    Eine innere Haltung von Mitgefühl, Liebe und dem Wunsch, frei von Gier, Hass und Verblendung zu leben. 
  3. Rechter Rede (正語, Zhèng yǔ)
    Wahrhaftige und mitfühlende Kommunikation, die nicht trennt, sondern verbindet. 
  4. Rechtes Handeln (正業, Zhèng yè)
    Ein Leben, das nicht verletzt, sondern aus Respekt vor allem Lebendigen entsteht. 
  5. Rechter Lebensunterhalt (正命, Zhèng mìng)
    Die bewusste Entscheidung, den Lebensunterhalt in Einklang mit Mitgefühl und Ethik zu verdienen. 
  6. Rechtes Streben (正精進, Zhèng jīngjìn)
    Die beständige Absicht, heilsame Geisteszustände zu kultivieren und unheilsame loszulassen.
  7. Rechte Achtsamkeit (正念, Zhèng niàn)
    Die Fähigkeit, den gegenwärtigen Moment klar und urteilsfrei wahrzunehmen – ohne sich in Gedanken oder Emotionen zu verlieren. 
  8. Rechte Meditation (正定, Zhèng dìng)
    Die Vertiefung der Meditation, die den Geist beruhigt und die direkte Erfahrung mit dem Einssein ermöglicht

Zehn Stufen der Bodhisattvas (菩薩十地, Púsà shí dì)

Auf seinem Pfad zur Einsicht in die letztendliche Realität wird man zehn Stufen durchlaufen, diese sind:

  1. Freudige Stufe (喜地, xǐ dì) – Freude über das Fortschreiten auf dem Pfad, Motivation stark. 
  2. Reine Stufe (清淨地, qīng jìng dì) – Reinheit im Handeln, keine Verunreinigungen durch schlechtes Karma. 
  3. Leuchtende Stufe (明地, míng dì) – Wissen und Weisheit beginnen, hell wie Licht zu strahlen. 
  4. Glänzende Stufe (輝地, huī dì) – Mitgefühl und Weisheit wachsen und wirken stark.
  5. Schwellende Stufe (難勝地, nán shèng dì) – Schwierige Hindernisse werden überwunden.
  6. Unüberwindliche Stufe (現前地, xiàn qián dì) – Geist stark und stabil, Versuchungen kaum wirksam. 
  7. Geübte Stufe (遠行地, yuǎn xíng dì) – Fähigkeiten zur Befreiung aller Wesen vertieft, spirituelle Praxis sehr stabil. 
  8. Unübertreffliche Stufe (不動地, bù dòng dì) – Geist völlig unbewegt von äußeren Störungen, vollkommene Stabilität. 
  9. Wolkengleiche Stufe (善慧地, shàn huì dì) – Weisheit und Mitgefühl grenzenlos, wie Wolken, die sich frei ausbreiten. 
  10. Vollendete Stufe (法雲地, fǎ yún dì) – „Regen der Lehre“: letzte Stufe vor der Buddhaschaft, vollständige Vorbereitung auf Erleuchtung.

Nach der 10. Stufe ist die Buddhaschaft vollständig erlangt und die drei Körper (三身, Sān shēn) vollständig manifestiert.

Drei Körper (三身, Sān shēn)

Das bedeutet:

  • Dharmakāya ist vollständig erkannt → Bewusstsein sieht die Realität als leer, offen, nicht-dual. 
  • Sambhogakāya ist vollständig präsent → Weisheit, Mitgefühl und Freude wirken klar.
  • Nirmāṇakāya manifestiert sich spontan → Das Erwachen zeigt sich in selbstlosem Handeln.

Ein Buddha hat das Karma aufgelöst und kann sich entscheiden, ob er/sie ins Nirvana eingeht oder wiedergeboren wird.

Wiedergeburt (中陰, Zhōngyīn)

  • Sterbezustand
    Beginnt mit dem physischen Tod. Bewusstsein trennt sich vom Körper. Intensive Licht- und Bewusstseinserscheinungen treten auf.
  • Zwischenzustand
    Bewusstsein erlebt verschiedene Visionen und Manifestationen. Positive wie negative Erscheinungen spiegeln das Karma wider. Orientierungslosigkeit und Furcht können auftreten; Chancen für Erleuchtung bestehen, wenn man erkennt, dass alles leer ist. 
  • Geburtszustand
    Bewusstsein sucht einen neuen Körper. Alte Gewohnheiten, Begierden und Karma bestimmen die Art der Wiedergeburt. Schließlich erfolgt die Reinkarnation in einen der sechs Daseinsbereiche (Lokas).

Welt (世界, Shìjiè)

  • Götter (Devas) – keine Schöpfergötter sondern sterbliche Wesen wie wir, allerdings in höheren Bewusstseinsebenen außerhalb unserer ersten 5 Sinne und nur durch Meditation erreichbar.
  • Halbgötter (Asuras) – Ebenfalls außerhalb unserer 5 Sinne und nur durch Meditation erreichbar
  • Menschen – Unser Daseinsbereich, direkt erfahrbar
  • Tiere – direkt sichtbar, weniger bewusst, dafür mehr von instinkt getrieben.
  • Geister (Pretas) – Ebenfalls außerhalb unserer physisch wahrnehmbaren Realität
  • Höllenwesen (Naraka) – Bewusstsein in extremen Leidbereichen, entstanden durch extreme Verblendung

Alle Wesen können jederzeit zur Erleuchtung finden, da nur eine Insichkehrung von Bewusstsein (Meditation) notwendig ist, allerdings haben Menschen aufgrund ihrer karmischen Position zwischen extremen Glück und extremen Leid das meiste Potential.

Meditation (禪, chan)

Meditation wird im Buddhismus des Mahayana grob in zwei Arten unterteilt: Zhi chan (Ruhemeditation) und Guan chan (Einsichtmeditation).

Zhi Chan beschreibt die Praxis der Meditation, bei der man das Bewusstsein zu einem Zustand der inneren Ruhe und Mitgefühl führen will. Das ist die Grundlage für Vipassana.

Sobald der Geist beruhigt ist, kann man mit Guan Chan beginnen, bei der man über die Lehren des Buddha reflektiert, bspw. wie Leid im Detail entsteht. 

Ursache/Bedingung (因緣, Yīn yuán)

Leid entsteht durch die zwölf Glieder der bedingten Entstehung – Yīn yuán genannt. 

Es ist eine Kette von Ursachen, die zeigt, wie Leid entsteht und sich fortsetzt. In der Meditation kann man sie als Landkarte des Geistes verwenden, um zu verstehen, wie Erfahrungen, Handlungen und Karma ineinandergreifen.

  1. Unwissenheit (無明, Wúmíng) – Wir erkennen die Realität nicht richtig.
  2. Formende Handlungen (行, Xíng) – Geistige und physische Handlungen erzeugen karmische Samen.
  3. Bewusstsein (識, Shí) – Bewusstsein fließt, geprägt von vorherigen Ursachen.
  4. Name und Form (名色, Míngsè) – Geist und Körper entstehen gegenseitig.
  5. Sechs Sinne (六入, Liùrù) – Wahrnehmung entsteht durch Sinnesorgane.
  6. Kontakt (觸, Chù) – Sinnesorgane treffen auf Objekte, es entsteht Erfahrung.
  7. Gefühl (受, Shòu) – Erfahrung wird angenehm, unangenehm oder neutral.
  8. Verlangen (愛, Ài) – Anhaften an angenehmen Empfindungen oder Abstoßen von unangenehmen.
  9. Festhalten (取, Qǔ) – Intensives Anhaften an Vorstellungen, Objekte oder Menschen.
  10. Werden (有, Yǒu) – karmische Tendenzen, die zukünftige Existenz formen.
  11. Geburt (生, Shēng) – physische oder mentale Manifestation eines neuen Daseins.
  12. Alter und Tod (老死, Lǎosǐ) – Vergänglichkeit, Leid und erneute Unwissenheit.