Diamant-Sutra

金剛般若波羅蜜經
Vajracchedikā-Prajnaparamita-Sūtra

Übersetzt aus dem Sanskrit durch Boddhisatva Kumārajīva (402 n. Chr.)
Übersetzt aus dem Mandarin durch Boddhisatva Hazybanazy (2025 n. Chr.) Taishō-Nr. 235

Hinweis: Dieser Text ist eine Studienfassung. Er dient der verständlichen Erschließung des Inhalts und ist keine endgültige wörtliche Primärübersetzung.

Kapitel 1: Einleitung

1. So habe ich gehört:

2. Zu jener Zeit weilte der Erhabene in Anathapindika’s Park bei Shravasti mit einer großen Gefolgschaft von Mönchen, genau zwölfhundert und fünfzig.

3. Eines Tages, früh am Morgen, kleidete sich der Erhabene an, nahm seine Schale und ging in die große Stadt Shravasti, um für sein Essen zu betteln. Mitten in der Stadt bettelte er von Tür zu Tür, wie es den Regeln entsprach.

4. Danach ging er zu seiner Wohnstätte zurück und aß sein Mahl. Als er es beendet hatte, legte er sein Gewand und seine Bettelschale zur Seite, wusch seine Füße, legte seinen Sitz zurecht und setzte sich nieder.

5. Nun saß inmitten der Versammlung der ehrenwerte Subhuti. Sodann erhob dieser sich, entblößte seine rechte Schulter, kniete sich auf sein rechtes Knie, erhob voll Achtung seine Hände, deren Handflächen sich berührten und sagte zum Erhabenen: „Erhabener, es ist äußerst kostbar, wie das Erwachte auf alle Bodhisattvas achtet, und sie so gut schützt und unterweist. Erhabener, wenn gute Männer und gute Frauen die Vollendung der Unvergleichlichen Erleuchtung (Prajnaparamita) suchen, was sollten sie beachten, und wie sollten sie ihre Gedanken schulen?“

6. Der Erhabene sagte: „Sehr gut, Subhuti! Genau wie Du sagst, achtet das Erwachte ständig auf seine Bodhisattvas, schützt und unterweist sie gut. Höre nun und nimm meine Worte in Dein Herz. Ich will Dir erklären, was gute Männer und gute Frauen, die die Vollendung der unvergleichlichen Erleuchtung suchen, beachten sollten und wie sie ihre Gedanken schulen sollten.“

7. Subhuti sagte: „Erhabener, ich bitte darum, tue es. In freudiger Erwartung sehnen wir uns, es zu hören.“

Kapitel 2: Lehre

1. Der Erhabene sagte: „Subhuti, all die Bodhisattvas sollten ihr Denken in folgender Weise schulen:

2. Alle lebenden Wesen, in welchen Bereichen auch immer sie sein mögen, ob aus einem Ei, einem Schoß, aus der Feuchte oder aus Umwandlung geboren, ob mit Form oder ohne Form, ob in einem Zustand des Denkens oder frei von der Notwendigkeit zu denken, oder gänzlich jenseits aller Denkbereiche – all diese Wesen werde ich leiten, bis sie grenzenloses Freisein, Nirvana erreicht haben.

3. Wenn auch eine gewaltige, unzählbare, unermessliche Anzahl von Wesen schon befreit wurde, so wurde doch überhaupt kein Wesen befreit. Warum, Subhuti? Weil kein Bodhisattva, der wahrlich Bodhisattva ist, die Vorstellung eines Egos, einer Person, eines Wesens oder eines abgegrenzten Individuums haben kann.“

4. Des weiteren, Subhuti, sollte ein Bodhisattva beim Ausüben von Wohltätigkeit losgelöst sein. Das bedeutet, er sollte Wohltätigkeit ausüben ohne Beachtung von äußerem Anschein, ohne Beachtung von Klang, Geruch, Berührung, Geschmack oder irgendeiner Eigenschaft.

5. Subhuti, so sollte der Bodhisattva Wohltätigkeit ausüben ohne Anhaftung. Warum? In so einem Fall ist sein Verdienst nicht zu ermessen.

6. Subhuti, was denkst Du? Kannst Du den gesamten Raum ausmessen, der sich ostwärts ausbreitet?“

7. „Nein Erhabener, ich kann es nicht.“

8. „Kannst Du dann, Subhuti, den gesamten Raum ausmessen, der sich südwärts, westwärts, nordwärts oder in irgend einer anderen Richtung ausbreitet, oben und unten einbegriffen?“

9. „Nein Erhabener, ich kann es nicht.“

10. „Nun, Subhuti, ebenso unermeßlich ist der Verdienst des Bodhisattvas, der Wohltätigkeit ohne Anhaftung an Erscheinungen ausübt. Subhuti, Bodhisattvas sollten in dieser Belehrung gründend ausdauern.

12. Subhuti, was denkst Du? Ist das Erwachte durch irgendeine materielle Eigenschaft zu erkennen?“

13. „Nein Erhabener, das Erwachte kann nicht durch irgendeine materielle Eigenschaft erkannt werden. Warum? Weil das Erwachte gesagt hat, dass materielle Formen letztendlich eine Illusion sind.“

14. Der Erhabene sagte: „Subhuti, wo auch immer materielle Formen sind, da ist Illusion. Aber wer so wahrnimmt, dass alle Eigenschaften in Wahrheit Illusionen sind, der nimmt das Erwachte wahr.“

Kapitel 3: Prophezeiung

1. Subhuti sagte zum Erhabenen: „Erhabener, wird es immer Menschen geben, die wahrlich verstehen, nachdem sie diese Lehren gehört haben?“

2. Der Erhabene antwortete: „Subhuti, äußere nicht solche Worte. Nach 500 Jahren, welche dem Dahingehen des Erwachten folgen werden, wird es geerdete Menschen geben, die kommen um diese Belehrung zu hören und von Verstehen inspiriert sein werden.

3. Aber Du solltest einsehen, dass solche Menschen die Wurzel ihrer Verdienste nicht nur unter einem Buddha oder zwei Buddhas oder drei oder vier oder fünf Buddhas gefestigt haben, sondern unter zahllosen Buddhas.

4. Und ihr Verdienst ist von jeder Art. In solchen Menschen, die kommen um diese Belehrung zu hören, wird reines Vertrauen unmittelbar aufsteigen. Und das Erwachte wird sie erkennen.

5. Ja, er wird all diese reinen Herzen klar wahrnehmen und die Größe ihrer moralischen Vortrefflichkeit. Warum? Weil solche Menschen nicht zurückfallen, um die Vorstellung eines Egos, einer Persönlichkeit, eines Wesens oder einer abgegrenzten Individualität zu hegen.

6. Weiter werden sie nicht zurückfallen, um Vorstellungen wie „frei sein von inneren Eigenschaften“ zu hegen. Warum? Weil, wenn solche Menschen ihrem Denken erlauben, alles zu ergreifen und festzuhalten, dann würden sie die Idee eines Egos, einer Persönlichkeit, eines Wesens oder einer abgegrenzten Individualität hegen.

7. So solltest Du nicht Begriffen wie „Besitz von inneren Eigenschaften“ oder „frei sein von inneren Eigenschaften“ anhängen. Das ist der Grund, warum das Erwachte immer diese Aussage lehrt: Meine Lehre gleicht einem Floß. Die Lehre des Buddha muss irgendwann aufgegeben werden; um wieviel mehr muss das die Irrlehre.“

Kapitel 4: Dialog

1. „Subhuti, was denkst Du? Hat das Erwachte die Vollendung der Unvergleichlichen Erleuchtung erreicht? Hat das Erwachte ein Dharma zu verkünden?“

2. Subhuti antwortete: „Wie ich die Lehre des Erhabenen verstehe, gibt es keine Version der Wirklichkeit, die „Vollendung der Unvergleichlichen Erleuchtung“ genannt wird.

3. Darüber hinaus hat das Erwachte gesagt, dass Wahrheit unfaßbar und nicht auszudrücken ist. Weder ist sie, noch ist sie nicht. Deswegen ist dieser unfassbare Grundsatz die Begründung der verschiedenen Lehrweisen aller Weisen.“

4. „Subhuti, was denkst Du? Wenn jemand dreitausend Galaxien mit den sieben Schätzen füllte und alles als Almosen weggäbe, würde er damit großen Verdienst erwerben?“

5. Subhuti sagte: „Ja, Erhabener! Diese Person würde großen Verdienst erlangen und viel Glück verbreiten, obwohl diese Person in Wahrheit keine eigene Existenz besitzt, auf die sich Verdienst ansammeln könnte. Warum? Weil das Verdienst dieser Person dadurch gekennzeichnet ist, dass es kein Verdienst ist.“

6. Dann sagte der Erhabene: „Andererseits, wenn jemand auch nur vier Zeilen dieser Belehrung empfängt, versteht und sie anderen lehrt und erklärt, so würde sein Verdienst größer sein.

7. Warum? Weil, Subhuti, von dieser Lehre alle Buddhas und die Lehren aller Buddhas ausgehen. Und doch muss ich, während ich spreche, meine Worte zurücknehmen, sobald sie ausgesprochen sind, denn es gibt keine Buddhas und keine Lehren.

8. Subhuti, was denkst Du? Sagt ein Schüler, der in den heiligen Strom des Lebens eingetreten ist, sich selbst: ‚Ich erlange die Frucht eines „in den Strom Eingetretenen“?“

9. Subhuti sagte: „Nein, Erhabener. Warum? Weil „ein in den Strom Eingetretener“ nur ein Begriff ist. Es gibt keinen Strom-Eintritt. Der Schüler, der nicht Form, Klang, Geruch, Geschmack, Berührung oder anderen Eigenschaften Beachtung schenkt, der wird ein „in den Strom Eingetretener“ genannt.“

10. „Subhuti, was denkst Du? Sagt ein Adept, dem nur eine einzige Wiedergeburt bevorsteht, sich selbst : „Ich erlange die Frucht eines `nur noch einmal Wiederkommenden`“?“

11. Subhuti sagte: „Nein, Erhabener. Warum? Weil „nur noch einmal wiederkommen“ nur ein Begriff ist. Es gibt kein kommen und gehen.

12. „Subhuti, was denkst Du? Sagt ein Ehrenwerter, der nie mehr als Sterblicher wiedergeboren wird, sich selbst: ‚Ich erlange die Frucht eines „Nicht-Wiederkommenden“‚?“

13. Subhuti sagte: „Nein, Erhabener. Warum? Weil „Nicht-Wiederkommender“ nur ein Begriff ist. Es gibt kein Wiederkommen und niemanden, der nicht-wiederkommt.
14. „Subhuti, was denkst Du? Sagt ein Heiliger sich selbst : „Ich habe `vollkommene Erleuchtung“ erlangt‘?“

15. Subhuti sagte: „Nein, Erhabener. Warum? Weil es keinen solchen Zustand gibt, wie den, der „Vollkommene Erleuchtung“ genannt wird.

16. Erhabener, wenn ein Heiliger der Vollkommenen Erleuchtung sich sagen würde: „So bin ich“, so würde er zwangsläufig die Vorstellung eines Egos, einer Persönlichkeit, eines Wesens oder einer abgesonderten Individualität hegen.

17. Erhabener, wenn der Buddha erklärt, dass ich inmitten der Menschen im Yoga der vollkommenen Stille, im Verweilen in Zurückgezogenheit und im Freisein von Leidenschaften herausrage, so sage ich mir nicht selbst: ‚Ich bin ein Heiliger der Vollkommenen Erleuchtung, frei von Leidenschaften‘.

18. Erhabener, wenn ich mir sagen würde: „So bin ich“, so wäre ich der Ego-Illusion nicht entkommen. Ich weiß, dass es letztendlich keinen Subhuti gibt und Subhuti nirgendwo verweilt, dass er Heiligkeit weder kennt noch nicht kennt und dass er weder frei von noch versklavt von seinen Leidenschaften ist.”

19. „Subhuti, was denkst Du? In ferner Vergangenheit, als der Tathagata bei Buddha Dipankara weilte, war Er da auf irgend einer Stufe von Vollendung im Dharma?“

20. „Nein, Erhabener. Als der Tathagata bei Buddha Dipankara weilte, war Er auf keiner Stufe von Vollendung im Dharma.“
21. „Subhuti, was denkst Du? Erzeugt ein Bodhisattva irgend welche erhabenen Buddha-Reiche?“

22. „Nein, Erhabener. Warum? Weil ein Buddha-Reich weder erschaffen noch nicht erschaffen werden kann.“

23. „Daher, Subhuti, sollten alle Bodhisattvas, kleinere und große, ein reines, leuchtendes Bewusstsein entwickeln, das nicht von Klang, Geschmack, Berührung, Geruch oder irgend einer Eigenschaft abhängt. Ein Bodhisattva das Bewusstsein spontan und natürlich gebrauchen, ohne sich von Voreingenommenheit leiten zu lassen, die aus den Sinnen entstehen.

24. Subhuti, für eine menschliche Geisteshaltung mag das vergleichbar sein mit der Größe des mächtigen Berges Sumeru. Was denkst Du? Wäre solch ein Wesen groß?“

25. Subhuti antwortete: „Ja, wahrlich, Buddha. Sein Gefühl persönlicher Existenz wäre gewaltig. Aber der Buddha hat gelehrt, dass persönliche Existenz nur ein Name ist, denn sie ist in Wirklichkeit weder Existenz noch Nichtexistenz. Sie trägt also nur den Namen „persönliche Existenz“.“

26. „Subhuti, wenn es für jedes Sandkorn im Ganges-Fluss einen weiteren Ganges geben würde, wären deren Sandkörner zusammen von großer Zahl?“

27. Subhuti sagte: „Gewiß von großer Zahl, Erhabener! Selbst die Ganges-Ströme wären unzählbar; um wieviel mehr würden es deren Sandkörner sein!“

28. „Subhuti, ich will Dir eine Wahrheit erklären. Wenn ein guter Mann oder eine gute Frau für jedes Sandkorn aus all diesen Ganges-Flüssen dreitausend Galaxien von Welten mit den sieben Schätzen füllte, wäre das ein großer Verdienst?“

29. Subhuti antwortete: „Gewiß groß, Erhabener!“

30. Dann erklärte der Erhabene: „Nichtsdestoweniger, Subhuti, wenn ein guter Mann oder eine gute Frau diese Belehrung nur soweit ergründet, um vier Zeilen zu empfangen, zu behalten und sie anderen zu lehren und zu erklären, würde der daraus folgende Verdienst weit größer sein.“

31. Darüber hinaus, Subhuti, solltest Du wissen, wo auch immer diese Belehrung verkündet wird, und seien es auch nur vier Zeilen davon, dieser Platz sollte von allen Reichen der Götter, Menschen und Titanen verehrt werden, als ob es eine Stätte Buddhas sei. Um wieviel mehr gilt das für die Begegnung mit einem, der fähig ist den Gesamten Teil der Lehre zu behalten und es vollständig auszudeuten!

32. Subhuti, Du solltest wissen, dass ein solcher die höchste und wundervollste Wahrheit erlangt. Wo auch immer diese heilige Belehrung verkündet werden mag, da solltest Du Dich einstimmen wie in der Gegenwart des Buddha und ehrenwerter Schüler.

33. Zu dieser Zeit richtete sich Subhuti an den Buddha und sagte: „Erhabener, unter welchem Namen sollte diese Belehrung bekannt werden und wie sollten wir sie empfangen und behalten?“
34. Der Erhabene antwortete: „Subhuti, diese Belehrung sollte bekannt werden als „Vajrachchedika Prajnaparamita“ („Der Diamant der Vollendung der Transzendentalen Weisheit“) – so sollst Du sie empfangen und behalten.Subhuti, was ist der Grund hierfür? In Übereinstimmung mit dem Dharma ist die Vollendung der Transzendentalen Weisheit nicht wirklich eine solche. „Vollendung der Transzendentalen Weisheit“ ist nur ein Name dafür.

35. Subhuti, was denkst Du? Hat der Tathagata eine Lehre darzulegen?“

36. Subhuti antwortete dem Erhabenen: „Erhabener, der Tathagata hat nichts zu lehren.“

37. „Subhuti, was denkst Du? Wären da viele Moleküle in dreitausend Galaxien von Welten?“

38. Subhuti sagte: „Gewiß viele, Erhabener!“

39. „Subhuti, wenn der Tathagata von Staubteilchen spricht, bedeutet das nicht, dass ich an einen bestimmten oder willkürlichen Gedanken denke; ich benutze diese Worte nur bildlich. Sie sind nicht wirklich, nur Illusion. Genauso ist es mit dem Wort „Universum“ – diese Worte drücken keine bestimmte oder willkürliche Idee aus, sondern nur Worte.

40. Subhuti, was denkst Du? Kann der Tathagata an den zweiunddreißig körperlichen Merkmalen erkannt werden?“

41. „Nein, Erhabener, der Tathagata kann nicht an den zweiunddreißig Merkmalen erkannt werden. Warum? Weil der Tathagata erklärte, dass die zweiunddreißig Merkmale nicht wirklich solche sind. Sie werden nur „die zweiunddreißig Merkmale“ genannt.“

42. „Subhuti, wenn einerseits ein guter Mann oder eine gute Frau soviele seiner Leben aufopfert, wie es Sandkörner im Ganges gibt und wenn andererseits irgend jemand auch nur vier Zeilen dieser Belehrung empfängt und behält und sie anderen lehrt und erklärt, so wird der Verdienst des letzteren größer sein.“

43. Bei der Gelegenheit, diese Belehrung zu hören, erlebte Subhuti deren Bedeutung als innere Wirklichkeit und wurde zu Tränen gerührt. Er sagte: „Es ist unermeßlich wertvoll, O Erhabener, dass Du diese tiefgründigste Belehrung vorgetragen hast. Nie hatte ich seit der Zeit, als das Auge der Weisheit sich mir zuerst öffnete, eine derartige Belehrung gehört.

44. Erhabener, wenn jemand diese Belehrung hört und reinen, klaren Glauben daran hat, wird er eine tiefgreifende Einsicht in die Wahrheit erlangen. Wenn er diese tiefe Einsicht erlangt hat, wird er die seltenste Art von Tugend verwirklichen.

45. Ehrwürdigster, diese Einsicht in die Wahrheit ist ihrem Wesen nach keine Einsicht in die Wahrheit – doch sie ist das, was der Buddha „Einsicht in die Wahrheit“ nennt. Erhabener, indem ich dieser Belehrung zuhöre, empfange und behalte ich sie in Vertrauen und Einsicht.

46. Für mich ist das nicht schwierig. Aber in kommenden Zeitaltern – in den letzten fünfhundert Jahren, wenn da Menschen kommen, um diese Belehrung zu hören und diese mit Vertrauen und Einsicht empfangen und behalten, so werden das seltene Menschen mit höchst bemerkenswerter Errungenschaft sein.

47. Solche Menschen werden in der Lage sein, reinen Glauben zu erwecken, weil sie aufgehört haben, irgendwelche willkürlichen Vorstellungen von ihrem eigenen Ego, anderen Egos, Lebewesen oder einem universellen Selbst zu hegen.

48. Warum? Weil, wenn sie weiterhin an willkürlichen Vorstellungen von ihrem eigenen Ego festhalten, sie an etwas festhalten würden, das nicht existiert. Dasselbe gilt für alle willkürlichen Vorstellungen von anderen Egos, Lebewesen oder einem universellen Ego. Dies sind alles Ausdrucksformen von Dingen, die nicht existieren.

49. Buddhas sind Buddhas, weil sie alle willkürlichen Vorstellungen von Form und Erscheinungen ablegen konnten, sie haben alle Wahrnehmungen transzendiert und die Illusion aller Formen durchdrungen.

50. Der Erhabene sagte zu Subhuti: „Genau wie Du sagst! Wenn irgend jemand dieser Belehrung zuhört, der weder voll Beunruhigung, noch voll Scheu, noch voll Angst ist, sei dir sicher, dass so jemand von bemerkenswerter Verwirklichung sein wird.

51. Und warum? Der Tathagata hat dieses Sutra als die höchste Vollkommenheit gelehrt. Und was der Tathagata als höchste Vollkommenheit lehrt, das lehren auch die unzähligen seligen Buddhas. Daher wird es „die höchste Vollkommenheit“ genannt.

Kapitel 5: Lehre II

1. Subhuti, wenn ich von der Übung der transzendenten Geduld spreche, halte ich an keiner willkürlichen Vorstellung über das Phänomen der Geduld fest; ich bezeichne sie einfach als die Übung der transzendenten Geduld.

2. Und warum? Weil ich, als vor vielen tausend Inkarnation der Prinz von Kalinga mir das Fleisch von Gliedern und Körper schnitt, keine Wahrnehmung eines Egos, eines Wesens, einer Seele oder eines universalen Selbst hatte. Hätte ich damals an einer dieser willkürlichen Vorstellungen festgehalten, als mir die Glieder abgetrennt wurden, wäre ich in Leid und Hass gefallen.

3. Warum? Denn wäre ich dann, als meine Glieder Stück für Stück abgeschnitten wurden, den zuvor genannten Unterscheidungen verhaftet gewesen, so wären Gefühle von Leid und Hass in mir aufgestiegen.

4. Subhuti, ich erinnere mich, dass ich vor langer Zeit einmal, im Laufe meiner letzten vergangenen fünfhundert sterblichen Inkarnationen, ein Asket war und Geduld übte. Sogar damals war ich frei von jenen Unterscheidungen abgesonderter Ichheit.

5. Darum, Subhuti, sollten die Schüler alle Unterscheidungen von Phänomenen beiseitelassen und den Gedanken an das Erreichen der höchsten Erleuchtung erwecken. Ein Schüler sollte dies tun, indem er sein Bewusstsein nicht von Vorstellungen abhängig macht, die durch die Welt der Sinne hervorgerufen werden – indem er sein Bewusstsein nicht von Vorstellungen leiten lässt, die durch Geräusche, Gerüche, Geschmäcker, Berührungen oder andere Eigenschaften entstehen.

6. Das Bewusstsein des Schülers sollte frei von jeglichen Gedanken bleiben, die in ihm aufkommen könnten. Wenn das Bewusstsein des Schülers von irgendetwas im Bereich der Sinne abhängig ist, hat es kein festes Fundament in irgendeiner Realität.

7. Deshalb lehrt der Buddha, dass das Bewusstsein eines Schülers beim Ausüben von Wohltätigkeit die Erscheinungen der Dinge nicht als Grundlage annehmen sollte.

8. Subhuti, wenn Schüler Mitgefühl und Wohltätigkeit zum Wohle aller Lebewesen praktizieren, sollen sie dies tun, ohne sich auf Erscheinungen zu stützen und ohne Anhaftung. So wie der Buddha erklärt, dass Form nicht Form ist, erklärt er auch, dass alle Lebewesen in Wahrheit keine Lebewesen sind.

9. Subhuti, der Tathagata ist Er, der verkündet was wahr ist. Er, der verkündet was grundlegend ist. Er, der verkündet was endgültig ist. Er verkündet nicht das, was Täuschung ist, noch das, was absonderlich ist. Subhuti, diese Wahrheit, die der Tathagata erreichte, ist weder wirklich noch unwirklich. Subhuti, wenn ein Bodhisattva wohltätig ist mit einem an Dharma haftenden Geist, gleicht er einem Mann, der blind im Dunkeln tappt.

10. Aber ein Bodhisattva, der wohltätig ist mit einem von jeglichem Dharma gelösten Geist, der gleicht einem Mann mit offenen Augen in der strahlenden Pracht des Morgens, dem jeder Gegenstand klar sichtbar ist. 

11. Subhuti, wenn es in künftigen Zeitaltern gute Männer und gute Frauen gibt, fähig diese Belehrung in ihrer Gesamtheit zu empfangen, zu lesen und zu erklären, so erkennt der Tathagata sie mittels Seiner Buddha-Erkenntnis. Und jeder von diesen wird unermesslichen und nicht zu berechnenden Verdienst erwirken.“

12. „Subhuti, wenn einerseits ein guter Mann oder eine gute Frau am Morgen soviele wohltätige Taten der Selbstverleugnung ausübte, als es Sandkörner im Ganges gibt und nochmals soviele zur Mittagszeit und nochmals soviele am Abend und das würden sie zahllose weitere Zeitalter machen, und, wenn andererseits irgend jemand diese Belehrung mit vertrauensvollem Herzen und ohne Streitigkeit anhörte, so würde letzterer gesegneter sein.

13. Aber wie wäre es möglich einen Vergleich zu demjenigen zu treffen, der dies niederschreibt, der dies empfängt, der dies behält und der dies anderen erklärt? Subhuti, wir können dieses Anliegen zusammenfassen, indem wir sagen, dass der wahre Wert dieser Belehrung weder erfassbar noch abschätzbar ist, noch gibt es irgend eine Grenze dafür. Der Tathagata hat diese Belehrung zur Wohltat für die Eingeweihten des höchsten Weges erklärt.

14. Er hat es zur Wohltat der Eingeweihten des höchsten Weges erklärt. Wer auch immer diese Lehre empfangen und behalten kann, sie durchdenken, sie wiedergeben und verbreiten kann, der wird vom Tathagata klar wahrgenommen und erkannt und sein Verdienst wird Vollkommenheit erreichen, jenseits von Maß und Berechnung – eine Vollkommenheit an Verdienst, unbegrenzt und unvorstellbar. In jedem Fall wird ein solcher die Vollendung der Unvergleichlichen Erleuchtung des Tathagata erklären.

15. Warum? Weil, Subhuti, jene, die in begrenzten Grundsätzen, einschließlich der Vorstellung eines Egos, einer Persönlichkeit, eines Wesens oder einer abgegrenzten Individualität Trost finden, sie können diese Belehrung nicht aufnehmen, empfangen, durchdenken, wiedergeben und unverhüllt erklären

16. Subhuti, an jedem Ort, an dem diese Belehrung stattfindet, sollten alle Reiche der Götter, Menschen und Titanen ihre Verehrung darbringen. Denn Du mußt wissen, daß so ein Ort gesegnet ist wie ein Heiligtum und er sollte von allen mit Verbeugung und Umgehung und mit Darbringung von Blumen und Weihrauch achtsam verehrt werden.

17. „Weiterhin, Subhuti, wenn gute Männer und gute Frauen, die diese Belehrung empfangen und behalten, niedergeschlagen sind, so ist ihr übles Schicksal das unvermeidliche Ergebnis von Vergehen, die sie in ihren vergangenen sterblichen Verkörperungen begangen haben. Durch ihr gegenwärtiges Unglück werden die Rückwirkungen aus ihrer Vergangenheit aufgearbeitet und sie gelangen in einen Zustand um die Vollendung der Unvergleichlichen Erleuchtung zu erreichen.

18. Subhuti, ich erinnere mich an die unendlich ferne Vergangenheit, vor Dipankara Buddha. Es gab 84000 Myriaden von Multi-Millionen Buddhas und all diesen brachte ich Gaben dar. Ja, diesen diente ich ohne der kleinsten Spur von Fehler. Nichtsdestoweniger, wenn jemand fähig ist, diese Belehrung am Ende des letzten Zeitalters zu empfangen, zu behalten, zu durchdenken und wiederzugeben, wird er solchen Verdienst gewinnen, dass mein Dienst an all den Buddhas nicht den hundertsten Teil davon, nicht einmal den tausendsten Teil davon, nicht einmal den tausend myriarden multi-millionsten Teil davon ausmachen würde – wahrlich, kein solcher Vergleich ist möglich

19. Subhuti, wenn ich den Verdienst vollständig in Einzelheiten darlegen würde, den gute Männer und gute Frauen gewinnen, wenn sie im letzten Zeitalter kommen um diese Belehrung zu empfangen, zu behalten, zu durchdenken und wiederzugeben, so würden meine Zuhörenden mit Zweifel angefüllt werden und ihr Bewusstsein könnte verwirrt und argwöhnisch werden und an Vertrauen verlieren

20. Du solltest wissen, Subhuti, dass die Bedeutung dieser Belehrung jenseits von Vorstellungen ist. Gleichermaßen ist die Frucht ihres Gewinns jenseits von Vorstellungen.“

Kapitel 6: Praxis

1. Zu jener Zeit fragte der ehrwürdige Subhuti den Buddha: „Weltgeehrter, darf ich Euch erneut eine Frage stellen? Wenn Söhne oder Töchter aus guten Familien den höchsten, vollkommensten und erwachten Geist entfalten möchten – wenn sie die Höchste Vollkommene Weisheit erlangen wollen -, was sollten sie tun, um ihren unsteten Geist zur Ruhe zu bringen und ihre Gedanken zu meistern?“

2. Der Buddha antwortete: „Subhuti, ein guter Sohn oder eine gute Tochter, die den höchsten, vollkommensten und erwachten Geist hervorbringen möchte, muss folgende Entschlossenheit im Geist fassen: ‚Ich muss alle Wesen zum Ufer der Erwachung führen – doch nachdem diese Wesen befreit worden sind, weiß ich in Wahrheit, dass nicht einmal ein einziges Wesen befreit wurde.‘ Warum ist das so? Wenn ein Schüler oder eine Schülerin die Vorstellung eines Selbsts, einer Person, eines lebenden Wesens oder eines universellen Selbstes hegt, dann ist diese Person kein wahrer Schüler oder wahre Schülerin. Warum? Weil es in Wahrheit kein unabhängig existierendes Objekt des Geistes gibt, das man ‚höchster, vollkommenster und erwachter Geist‘ nennt.

3. „Was meinst du, Subhuti? In alten Zeiten, als der Buddha bei Dipankara Buddha lebte – hat er da irgendetwas erlangt, das man ‚höchsten, vollkommensten und erwachten Geist‘ nennt?

4. „Nein, Höchstgeehrter. Nach meinem Verständnis der Lehren des Buddha gibt es nichts, das man ‚höchsten, vollkommensten und erwachten Geist‘ nennen könnte.“
5. Der Buddha sprach: „Du hast recht, Subhuti. Tatsächlich existiert kein sogenannter ‚höchster, vollkommenster und erwachter Geist‘, den der Buddha erlangen könnte. Denn wenn es ein solches Ding gäbe, hätte Dipankara Buddha niemals über mich prophezeit: ‚In Zukunft wirst du ein Buddha werden, genannt Der Höchstgeehrte.‘ Diese Prophezeiung wurde gerade deshalb ausgesprochen, weil es nichts zu erlangen gibt. Wer behauptet, der Buddha habe den ‚höchsten, vollkommensten und erwachten Geist‘ erlangt, irrt sich – denn es gibt keinen solchen Geist, der erlangt werden könnte.

6. „Subhuti, vergleichen wir dies mit dem Begriff eines großen menschlichen Körpers. Was würdest du verstehen, wenn ich von einem ‚großen menschlichen Körper‘ spreche?

7. „Ich würde verstehen, dass der Herr Buddha nicht von einem willkürlichen Dasein spricht, sondern lediglich Worte verwendet. Ich würde wissen, dass diese Worte nur eine imaginäre Bedeutung tragen. Wenn der Buddha von einem ‚großen menschlichen Körper‘ spricht, benutzt er diese Worte bloß als Worte.”

8. „Genau so verhält es sich, Subhuti, wenn ein Schüler oder eine Schülerin sagt, man wolle unzählige fühlende Wesen befreien. Wenn sie dabei irgendeine willkürliche Vorstellung von fühlenden Wesen oder konkrete Zahlen im Sinn hat, ist sie unwürdig, Schüler oder Schülerin genannt zu werden. 

9. Subhuti, meine Lehre zeigt sogar, dass etwas wie ein ‚Schüler‘ oder eine ‚Schülerin‘ nicht wirklich existiert. Und es gibt auch nichts, was ein Schüler oder eine Schülerin befreien könnte.
10. „Ein wahrer Schüler oder eine wahre Schülerin weiß, dass es kein Selbst, keine Person, kein lebendes Wesen und kein universelles Selbst gibt. Ein wahrer Schüler oder eine wahre Schülerin erkennt, dass alle Dinge leer sind von einem Selbst und frei von jeglicher getrennten Individualität.

11. Um diese Lehre noch stärker zu betonen, fuhr der Herr Buddha fort:
„Wenn ein Schüler oder eine Schülerin sagen würde: ‚Ich muss ein ruhiges und schönes Buddha-Feld erschaffen‘, wäre diese Person noch kein wahrer Schüler oder wahre Schülerin. Warum? Was der Buddha als ‚ruhiges und schönes Buddha-Feld‘ bezeichnet, ist in Wahrheit kein ruhiges und schönes Buddha-Feld – und gerade deshalb nennt man es ein ruhiges und schönes Buddha-Feld. Nur wer völlig frei ist von jeglicher Vorstellung einer getrennten Selbstheit, verdient es, Schüler oder Schülerin genannt zu werden.

12. Der Buddha fragte dann Subhuti: „Was meinst du, Subhuti? Hat der Buddha menschliche Augen?

13. Subhuti antwortete: „Ja, er hat menschliche Augen.

14. „Hat er die Augen der Erleuchtung?

15. „Gewiss, der Buddha hat die Augen der Erleuchtung; sonst wäre er nicht der Buddha.

16. „Hat der Buddha die Augen der transzendenten Weisheit?“

17. „Ja, der Buddha hat die Augen der transzendenten Weisheit.“

18. „Hat der Buddha die Augen der spirituellen Intuition?“

19. „Ja, Herr, der Buddha hat die Augen der spirituellen Intuition.„

20. „Hat der Buddha die Augen der Liebe und des Mitgefühls für alle fühlenden Wesen?

21. Subhuti stimmte zu und sprach: „Herr, Ihr liebt alle fühlenden Wesen.“

22. „Was meinst du, Subhuti? Als ich von den Sandkörnern im Fluss Ganges sprach – behauptete ich da, sie seien wirklich Sandkörner?“

23. „Nein, gesegneter Herr, Ihr habt sie lediglich als Sandkörner bezeichnet.

24. „Subhuti, wenn es so viele Flüsse Ganges gäbe wie Sandkörner im Fluss Ganges, und so viele Buddha-Länder wie Sandkörner in all jenen unzähligen Flüssen – würden diese Buddha-Länder als zahlreich gelten?

25. „Sehr zahlreich wahrlich, Herr Buddha.“

26. „Subhuti, ich kenne den Geist jedes fühlenden Wesens in allen Universen, ungeachtet seiner Denkweisen, Vorstellungen oder Neigungen. Denn alle Denkweisen, Vorstellungen und Neigungen sind nicht wirklich Geist – und doch nennt man sie ‚Geist‘. Warum? Weil es unmöglich ist, einen vergangenen Gedanken festzuhalten, einen zukünftigen zu ergreifen oder gar einen gegenwärtigen zu bewahren.“

27. Der Buddha fuhr fort: „Was meinst du, Subhuti? Wenn ein Anhänger oder eine Anhängerin Schätze verschenken würde, die ausreichen, um 3.000 Universen zu füllen – würde ihm oder ihr dadurch großer Segen und Verdienst zuteilwerden?“

28. Subhuti antwortete: „Ehrwürdiger, ein solcher Anhänger oder eine solche Anhängerin würde beträchtlichen Segen und Verdienst erwerben.“

29. Der Herr Buddha sprach: „Subhuti, wenn dieser Segen Substanz hätte – wenn er etwas anderes wäre als eine bloße Redewendung –, hätte der Höchstgeehrte die Worte ‚Segen und Verdienst‘ nicht verwendet.“

30. „Subhuti, was meinst du – sollte man den Buddha anhand seines vollkommenen physischen Körpers suchen?“

31. „Nein, vollkommen Erleuchteter, man sollte den Buddha nicht anhand seines vollkommenen physischen Körpers suchen. Warum? Der Buddha hat gesagt, dass der vollkommene physische Körper nicht der vollkommene physische Körper ist. Deshalb nennt man ihn den vollkommenen physischen Körper.“

32. „Subhuti, was meinst du – sollte man den Buddha anhand all seiner vollkommenen Erscheinungsmerkmale suchen?“

33. „Nein, Höchstgeehrter, man sollte den Buddha nicht anhand all seiner vollkommenen Erscheinungsmerkmale suchen. Warum? Der Buddha hat gesagt, dass vollkommene Erscheinungen keine vollkommenen Erscheinungen sind. Deshalb nennt man sie vollkommene Erscheinungen.“

34. „Subhuti, halte nicht die Vorstellung aufrecht, der Buddha denke: ‚Ich habe spirituelle Wahrheiten gelehrt.‘ Denke nicht so. Warum? Wer behauptet, der Buddha habe spirituelle Wahrheiten gesprochen, verleumdet den Buddha, da er nicht versteht, was der Buddha lehrt. Subhuti, was das Sprechen von Wahrheit betrifft: keine Wahrheit kann gesprochen werden – und darum nennt man es ‚Wahrheit sprechen‘.“

35. In jenem Augenblick wandte sich Subhuti, der weise Älteste, an den Buddha: „Höchstgeehrter, wird es in Zukunft Lebewesen geben, die an diesen Sutra glauben, wenn sie ihn hören?“

36. Der Buddha sprach: „Die Lebewesen, von denen du sprichst, sind weder Lebewesen noch nicht-Lebewesen. Warum? Subhuti, all die verschiedenen Arten von Lebewesen, von denen der Buddha spricht, sind keine Lebewesen – und doch nennt man sie Lebewesen.“

37. Subhuti fragte erneut: „Gesegneter Herr, als Ihr vollkommene Erleuchtung erlangtet – hattet Ihr da das Gefühl im Geist, dass nichts erworben worden sei?“

38. Der Buddha antwortete: „Genau so ist es, Subhuti. Als ich vollkommene Erleuchtung erlangte, empfand ich keinerlei willkürliche Vorstellung spiritueller Wahrheit – nicht einmal die geringste. Selbst die Worte ‚vollkommene Erleuchtung‘ sind nur Worte; sie dienen lediglich als Redewendung.“

39. „Ferner, Subhuti: Was ich in vollkommener Erleuchtung erlangt habe, ist dasselbe, was alle anderen erlangt haben. Es ist ununterschieden – weder ein hoher noch ein niedriger Zustand. Es ist völlig unabhängig von jeglicher festen oder willkürlichen Vorstellung eines individuellen Selbsts, anderer Selbst, lebender Wesen oder eines universellen Selbsts.“

40. „Subhuti, wer selbstlos wohltätig ist, sollte zugleich ethisch handeln, indem er erkennt, dass kein Unterschied besteht zwischen seinem eigenen Selbst und dem Selbst anderer. So übt man Wohltätigkeit nicht nur durch das Geben materieller Gaben, sondern durch Güte und Mitgefühl. Übe Güte und Wohltätigkeit ohne Anhaftung – so kannst du vollkommen erwachen.“

41. „Subhuti, was ich gerade über Güte gesagt habe, bedeutet nicht, dass jemand, der wohltätig handelt, an willkürlichen Vorstellungen von Güte festhalten sollte – denn Güte ist letztlich nur ein Wort, und Wohltätigkeit muss spontan und selbstlos sein, ohne Rücksicht auf äußere Erscheinungen.“

42. Der Buddha fuhr fort:
„Subhuti, wenn jemand Schätze sammelte, die so hoch wären wie 3.000 der höchsten Berge, und sie allen schenken würde – sein Verdienst wäre geringer als der Verdienst einer anderen Person, die diesen Sutra studiert, verinnerlicht und aus Güte anderen erklärt. Letztere Person würde hundertfach, ja hunderttausend- und millionenfach mehr Verdienst ansammeln. Es gibt keinen denkbaren Vergleich.“

43. „Subhuti, sage nicht, der Buddha denke: ‚Ich werde alle fühlenden Wesen ins Nirvana führen.‘ Denke nicht so, Subhuti. Warum? In Wahrheit gibt es kein einziges Wesen, das der Buddha zur Erleuchtung führen könnte. Wenn der Buddha dächte, es gäbe eines, wäre er in der Vorstellung eines Selbsts, einer Person, eines lebenden Wesens oder eines universellen Selbsts gefangen. 

44. Subhuti, was der Buddha ‚Selbst‘ nennt, hat in Wahrheit kein Selbst, wie gewöhnliche Menschen ein Selbst verstehen. Subhuti, der Buddha betrachtet niemanden als gewöhnliche Person – und deshalb kann er von ‚gewöhnlichen Personen‘ sprechen.“

45. Dann fragte der Buddha Subhuti: „Was meinst du, Subhuti? Kann man den Buddha anhand der 32 körperlichen Kennzeichen erkennen?“

46. Subhuti antwortete: „Ja, Höchstgeehrter, der Buddha kann so erkannt werden.“

47. „Subhuti, wenn das wahr wäre, dann müsste Chakravartin, der mythische König, der ebenfalls die 32 Kennzeichen besaß, als Buddha bezeichnet werden.“

48, Da erkannte Subhuti seinen Irrtum und sprach: „Höchstgeehrter, nun verstehe ich, dass der Buddha nicht allein anhand seiner 32 körperlichen Kennzeichen erkannt werden kann.“

49. Der Buddha sprach daraufhin: „Wer ein Bild oder Abbild des Buddha betrachtet und behauptet, den Buddha zu kennen und ihn zu verehren, irrt sich – denn er kennt nicht den wahren Buddha.“

50. „Doch Subhuti, wenn du dächtest, der Buddha verwirkliche den höchsten, vollkommensten und erwachten Geist und bräuchte dabei nicht alle Kennzeichen zu besitzen – dann irrst du dich ebenfalls. Denke nicht so. Wer den höchsten, vollkommensten und erwachten Geist hervorbringt, behauptet nicht, dass alle Geistobjekte nichtexistent und vom Leben abgeschnitten seien. Das sage ich nicht.“

51. Der Herr Buddha fuhr fort: „Subhuti, wenn jemand Schätze in der Anzahl der Sandkörner am Ufer des Ganges verschenken würde, und eine andere Person durch Einsicht in die Ichlosigkeit aller Dinge diese Selbstlosigkeit versteht – dann wäre letztere Person gesegneter als jene, die bloße äußere Wohltätigkeit übt. Warum? Weil große Schüler Segen und Verdienst nicht als persönlichen Besitz betrachten, als etwas, das man erwerben kann.“

52. Subhuti fragte den Herrn Buddha: „Was meint Ihr damit, dass ‚große Schüler Segen und Verdienst nicht als persönlichen Besitz betrachten‘?“

53. Der Buddha antwortete: „Weil jene großen Schüler niemals nach Segen und Verdienst strebten, sehen sie diese nicht als persönlichen Besitz, sondern als gemeinsames Gut aller Wesen.“

54. Der Buddha sprach weiter:
„Subhuti, wenn jemand sagt, der Buddha komme oder gehe gerade, sitze oder liege – dann hat er das Prinzip meiner Lehre nicht verstanden. Warum? Obwohl ‚Buddha‘ wörtlich ‚derjenige, der so gekommen und so gegangen ist‘ bedeutet, kommt der wahre Buddha niemals von irgendwoher oder geht irgendwohin. Der Name ‚Buddha‘ ist lediglich ein Ausdruck, eine Redewendung.“

55. Der Herr Buddha fuhr fort: „Subhuti, wenn ein guter Mensch, ob Mann oder Frau, 3.000 Galaxien nähme, sie zu mikroskopischem Staub zermahlte und diesen in den Raum bliese – meinst du, dieser Staub hätte irgendeine individuelle Existenz?“

56. Subhuti antwortete: „Ja, Herr, als mikroskopischer Staub, der in den Raum geblasen wird, mag man ihm eine relative Existenz zuschreiben – doch wie Ihr Worte verwendet, hat er keine Existenz. Die Worte dienen nur als Redewendung. Andernfalls würden sie den Glauben an die Existenz von Materie als unabhängiges, selbstbestehendes Ding implizieren – was sie nicht ist.“

57. „Ferner, wenn der Höchstgeehrte von ‚3.000 Galaxien‘ spricht, tut er dies nur als Redewendung. Warum? Wenn die 3.000 Galaxien wirklich existierten, bestünde ihre einzige Wirklichkeit in ihrer kosmischen Einheit. Ob als mikroskopischer Staub oder als Galaxien – was macht das schon für einen Unterschied? Nur im Sinne der kosmischen Einheit des ultimativen Seins darf der Buddha darauf Bezug nehmen.“

58. Der Herr Buddha war sehr erfreut über diese Antwort und sprach:
„Subhuti, obwohl gewöhnliche Menschen stets an willkürlichen Vorstellungen von Materie und Galaxien festhalten, hat dieses Konzept keine wahre Grundlage; es ist eine Illusion des sterblichen Geistes. Selbst wenn man es ‚kosmische Einheit‘ nennt, bleibt es undenkbar und unerkennbar.“

59. Dann fuhr der Herr Buddha fort:
„Wenn jemand behaupten würde, der Buddha habe in seinen Lehren ständig von sich selbst, anderen Selbst, lebenden Wesen oder einem universellen Selbst gesprochen – meinst du, hätte diese Person meine Bedeutung verstanden?“

60. Subhuti antwortete: „Nein, gesegneter Herr. Diese Person hätte die Bedeutung Eurer Lehre nicht verstanden. Denn wenn Ihr jene Dinge nennt, bezieht Ihr Euch nicht auf ihre tatsächliche Existenz, sondern verwendet die Worte lediglich als Redewendungen, als Symbole. Nur in diesem Sinne können Worte verwendet werden – denn Vorstellungen, Ideen, begrenzte Wahrheiten und spirituelle Wahrheiten haben nicht mehr Wirklichkeit als Materie oder Phänomene.“

61. Daraufhin betonte der Herr Buddha seine Aussage noch stärker:
„Subhuti, wer seinen Übungsweg beginnt, um vollkommene Erleuchtung zu erlangen, sollte sehen, wahrnehmen, erkennen, verstehen und verwirklichen, dass alle Dinge und alle spirituellen Wahrheiten Nicht-Dinge sind – und deshalb sollte er in seinem Geist keinerlei willkürliche Vorstellungen hervorbringen.“

62. Der Buddha fuhr fort: „Subhuti, wenn jemand dem Buddha eine unermessliche Menge der sieben Schätze schenken würde, genug, um das ganze Universum zu füllen – und eine andere Person, ob Mann oder Frau, auf dem Weg zur vollkommenen Erleuchtung auch nur einen einzigen Abschnitt dieses Sutra ernsthaft und mit Glauben studierte und anderen erklärte – dann wäre der angesammelte Segen und Verdienst dieser letzteren Person weit größer.“

63. „Subhuti, wie kann man diesen Sutra anderen erklären, ohne im Geist irgendeine willkürliche Vorstellung von Formen, Phänomenen oder spirituellen Wahrheiten zu hegen? Nur dadurch, Subhuti, dass man den Geist in vollkommener Ruhe hält und frei von jeder Anhaftung an Erscheinungen.“

64. „Daher sage ich euch: So sollt ihr unser bedingtes Dasein in dieser vergänglichen Welt betrachten: Wie einen winzigen Tautropfen oder eine Blase auf einem fließenden Bach;

65. wie einen Blitz in einer Sommerwolke, wie eine flackernde Lampe, eine Illusion, ein Phantom oder einen Traum. So ist alles bedingte Dasein zu sehen.“ So sprach der Buddha.